BO 18

Aylin Kayser

Beloved Objects - <?=268?>

Aylin Kayser (born 1982): “Ich scheine prädestiniert dafür zu sein, Stühle zu sammeln. Ich habe nie bewusst nach ihnen gesucht, vielmehr haben sie mich immer wieder gefunden. Besondere Stühle, die mich regelmäßig in Bedrängnis bringen, die Grenzen meines minimalistischen Einrichtungsstils für meine Sammelleidenschaft zu überschreiten. Einen dieser Stühle möchte ich hier vorstellen… Es war Liebe auf den ersten Blick – die formale Eleganz, die konsequente Reduktion, die zeitlose Sinnlichkeit, der visionäre Ansatz, den dieser Stuhl verkörpert… Ich ertappe mich auch noch heute immer wieder selbst dabei, wie ich über die geschmeidige glatte Holzoberfläche streiche und mir vorstelle, an welchen Orten dieser Stuhl von ca. 1880 wohl schon überall gestanden haben mag. Gefunden habe ich ihn auf einem meiner Streifzüge durch den Speicher des alten Fachwerkhauses meiner Großeltern in München. Mein Großvater hat alles gesammelt, was er in die Hände bekommen hat. Deshalb war der Dachboden immer bis unter die Decke mit Fundstücken sämtlicher Stilepochen gefüllt. Schon beim Öffnen der Tür zum Dachboden stieg mein Adrenalinspiegel/Puls jedes Mal merklich an. Als ich dann diesen Thonetstuhl in einer versteckten Ecke fand, konnte ich mein Glück kaum fassen. Den Rest meines Urlaubs habe ich daraufhin in der Werkstatt verbracht: den weißen Lack vorsichtig entfernt, das kaputte Sitzgeflecht entsorgt, ihn stundenlang mit Schleifpapier per Hand geschliffen, setzte mich mit ihm zur Abtötung der Holzwürmer in die Sauna und spritzte Holzleim mit feinsten Spritzen in die Löcher.

Bei meiner Abreise präsentierte ich ihn begeistert meinem Onkel, der erstaunt guckte und meinte, dass es seiner wäre und er ihn in New York auf dem Flohmarkt gefunden hätte. Zum Glück hat er ihn mir geschenkt – mit der Auflage ihm ein neues Rohrgeflecht zu spendieren und ihn nicht wegzugeben. Zurück in Berlin habe ich mich als erstes in einem. Restauratorenkurs eingeschrieben und in mühsamer andarbeit das Sitzgeflechts erneuert. Mein Stuhl ist der Bugholzstuhl Nr. 18 der Firma Thonet. Er geht auf einen Entwurf des Pioniers der Möbelproduktion und -gestaltung Michael Thonet zurück. Für seine „Konsumstühle“ entwickelte er Mitte des 19. Jahrhunderts eine spezielle Methode sprödes Holz in gusseisernen Formen mittels Hitze zu biegen. Dieses innovative Verfahren kombiniert mit einem usgeklügelten Baukastenprinzip – der Stuhl konnte in seine Einzelteile zerlegt in einer flachen Box transportiert werden – revolutionierte das damalige Möbelhandwerk und war einer der ersten industriell produzierten Stühle.

Der Wiener Kaffeehausstuhl Nr. 14 von Tonet, auf der die Nr. 18 basiert, hat Weltruhm erlangt, war bis 1930 mit 50 Millionen Stück das meist verkaufte Sitzmöbel der Welt und hat es sogar bis in Joseph-Paxtons-Krsitallpalast (Weltausstellung 1851 in London) geschafft. Im hessischen Frankenberg werden heute immer noch bzw. wieder Thonetmöbel produziert.”

Share